Der strategische Luftkrieg

Nachtjagd und Tagjagd

Im Herbst 1940 verloren die Deutschen die Schlacht von England, die berühmte Battle of Britain. Danach startete die britische Luftwaffe eine nächtliche Bombenoffensive gegen Deutschland. Anfangs wurden diese Bombardierungen der deutschen Städte und der Kriegsindustrie mit relativ kleinen Angriffsformationen von einigen Dutzend Flugzeugen durchgeführt. Im Laufe des Krieges entwickelte sich daraus eine verheerende Luftoffensive, in der fast jede Nacht viele hundert schwere viermotorige Bomber die deutschen Städte in Schutt und Asche legten und Tausende von Toten forderten.

 

Die britischen Bomberformationen flogen auf ihrem Hin- und Rückweg meist über das IJsselmeer und das Wattenmeergebiet, unter der Annahme, dass die deutschen Flugabwehrsysteme über See weniger stark waren als über Land. Darüber hinaus waren die Navigationspunkte entlang der Watteninseln leichter zu erkennen als die auf dem abgedunkelten Festland.

 

Um zu verhindern, dass die britischen Bomber Deutschland erreichten, beschlossen die Deutschen bereits 1940, in den Niederlanden einen starken vorderen Flugabwehr-Gürtel anzulegen und in diesem Vorfeld so viele Gegner wie möglich abzuschießen. Ab der zweiten Hälfte des Jahres 1940 wurden entlang der Wattenmeerküste Radarstationen errichtet, um alliierte Flugzeuge aufzuspüren und eigene Jäger zu ihren Zielen zu führen. Im niederländischen Hinterland - wie in Leeuwarden - wurden große Flugplätze für deutsche Jagdflugzeuge gebaut. Die Radarsektoren erhielten alle Codenamen aus dem Tierreich: auf Schiermonnikoog hieß der Sektor Schlei (nach dem Süßwasserfisch), auf Terschelling Tiger.

Karte des deutschen Radargürtels im niederländischen Wattenmeergebiet, April 1943.Die Radarstationen Hering (Medemblik), Salzhering (Den Helder), Tiger (Terschelling), Schlei (Schiermonnikoog), Löwe (Marum), Eisbär (Lemmer), Gazelle (Veendam) und Jaguar (auf der deutschen Watteninsel Juist) deckten das gesamte niederländische Wattenmeergebiet ab.Jedes alliierte Flugzeug, das in das Wattenmeergebiet eindrang, wurde auf diese Weise mit dem elektronischen Auge des deutschen Bodenradars geortet und konnte jederzeit von einem deutschen Jagdflugzeug abgefangen werden. (Koll. BA/MA, RL 884)

Eine deutsche Radarstation in der Nachtjagd, wie auch die Stellungen Schlei und Tiger aussahen. Links und in der Mitte stehen zwei Radargeräte des Typs Würzburg-Riese zur Ortung von Flugzeugen in kurzer Entfernung, rechts ein Freya-Radargerät für die Langstrecken-Erkennung.Mithilfe dieser Radaranlagen wurden die genaue Höhe und Entfernung zu den britischen Bombern ermittelt und die deutschen Nachtjäger per Funkverbindung mit dem Jägerleitoffizier im Sektor zu ihren Gegnern in der Luft geführt. (Koll. Carsten Petersen)

In dieser beeindruckenden und von den britischen Bomberbesatzungen gefürchteten nächtlichen Verteidigungslinie wurden zwischen 1941 und Mitte 1943 Hunderte von Flugzeugen von der Nachtjagd (Nachtjäger) abgeschossen. Alleine schon die Nachtjäger, die in den Radarsektoren Tiger und Schlei patrouillierten, waren für schätzungsweise 168 abgeschossene Bomber und mindestens 800 getötete Flieger verantwortlich.

 

Im Sommer 1943 gelang es den Engländern, das deutsche Flugabwehrradar durch den Abwurf von Düppeln auf einen Schlag zu lähmen. Dabei handelte es sich um Millionen kleiner Aluminiumstreifen, die den Empfang der Radargeräte komplett störten. Die Säulen der nächtlichen Flugabwehr im Wattenmeergebiet brachen dadurch zusammen und die strategische Rolle der Nachtjagd in diesem Bereich war weitgehend ausgespielt.

 

Bis Anfang 1943 war der strategische Luftkrieg in Westeuropa gegen Deutschland nur ein britisch-deutscher Konflikt. Ab Februar 1943 führte auch die amerikanische Luftwaffe tagsüber Bombardierungen auf die deutsche Kriegsindustrie durch, sodass rund um die Uhr eine Bombenoffensive gegen Deutschland stattfand; nachts die Briten, tagsüber die Amerikaner. Diese dauerte bis zur Kapitulation Deutschlands im Mai 1945. Wie die Briten flogen auch die Amerikaner häufig über das Wattenmeer nach Deutschland. So fanden in diesem Gebiet ab Anfang 1943 auch tagsüber verschiedene Luftkämpfe zwischen der deutschen Tagjagd (Tagjäger) und den amerikanischen Combat Boxes statt.

Der Standard-Nachtjäger, der zwischen 1940 und 1943 im Wattenmeergebiet eingesetzt wurde, die Messerschmitt Bf110. Dieses Flugzeug gehört wahrscheinlich zur II./NJG1, der Einheit, die erfolgreich im Wattenmeergebiet zwischen Leeuwarden und Bergen-aan-Zee operierte. Die Nase des Flugzeuges zeigt das Wappen der Nachtjagd, einen deutschen Adler, der sich in das Herz Englands bohrt. (Koll. Wim Govaerts)

Eines der deutschen Nachtjäger-Asse, die zwischen 1941 und 1943 im nächtlichen Luftkrieg im Wattenmeergebiet große Erfolge feierten, war Major Helmut Lent. Bevor er am 7. Oktober 1944 bei einem Flugzeugunfall ums Leben kam, schoss er insgesamt 110 Flugzeuge ab. Darunter 26 britische Bomber, die er, startend vom Fliegerhorst Leeuwarden, im niederländischen Wattenmeergebiet abschoss. Von diesen Siegen erzielte er schätzungsweise die Hälfte im Radarsektor Tiger, die anderen in Löwe (3), Salzhering (1), Schlei (6) und Eisbär (3). (Koll. Lieuwe Boonstra)

Nachtjäger: Tiger

1941 wurden auf zwei niederländischen Watteninseln Radarstellungen gebaut, um eindringende alliierte Bomber zu orten und deutsche Nachtjäger zu ihren Zielen zu führen. Auf Terschelling entstand im Sommer 1941 der Sektor Tiger, auf Schiermonnikoog im Frühjahr 1941 der Sektor Schlei. Beide Radarstationen waren mit einem Freya-Radar für die Ortung feindlicher Flugzeuge und ab 1942 auch mit zwei Würzburg-Präzisionsradargeräten für die Ortung feindlicher Bomber und eigener Nachtjäger auf kurze Distanz ausgestattet. Ab Mitte 1942 wurde die Tiger-Stellung darüber hinaus mit zwei Wassermann-Radargeräten verstärkt, mit denen alliierte Flugzeuge in einer Entfernung von 300 Kilometern geortet werden konnten.

 

Im Laufe des nächtlichen Luftkrieges sollte Tiger zu einer der erfolgreichsten Bodenleitstationen im gesamten besetzten Europa werden. Unter der Führung des Jägerleitoffiziers im Tiger-Sektor wurden zwischen September 1941 und Juli 1944 schätzungsweise 120 Bomber von Nachtjägern abgeschossen. Die meisten Bomber wurden vom Wattenmeer oder der Nordsee verschluckt.

 

Als Beispiel für eine durchschnittliche Nacht, in der die britischen Bomberströme über das Wattenmeergebiet flogen, beschreiben wir die Ereignisse in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar 1943. In dieser Nacht wurden 338 Bomber nach Wilhelmshaven geschickt, wo sie innerhalb von 40 Minuten am Abend ihre gesamte Bombenladung abwarfen. Zwölf Flugzeuge kehrten nicht zurück. Das Wetter war sehr schlecht, dennoch flogen mehr als fünfzig Nachtjäger Patrouillen im Nordwesten Deutschlands und im Wattenmeergebiet. Elf von ihnen gerieten in Kämpfe mit Bombern, was dazu führte, dass neun britische Flugzeuge - allesamt auf dem Rückweg nach England - abgeschossen wurden. Sechs davon wurden von drei Nachtjägern des Fliegerhorstes Leeuwarden im niederländischen Wattenmeergebiet getroffen, je die Hälfte unter der Leitung der Sektoren Schlei und Tiger.

 

Oberleutnant Hans-Joachim Jabs, der Kommandant der 11./NJG1, schoss unter der Führung des Jägerleitoffiziers Oberleutnant Maier im Schlei-Sektor innerhalb von 44 Minuten drei Short Stirlings der 15 Squadron ab. Die Bomber stürzten alle in die Nordsee, 5 km nördlich von Ameland, 10 km westlich von Schiermonnikoog und 45 km nördlich von Terschelling. Für Jabs war dies insgesamt der 22. Sieg, für Maier sogar der 55. Unter der Bomberbesatzung gab es keinen einzigen Überlebenden. 52 Männer fanden in der eiskalten Nordsee bei Ameland, Vlieland, Schiermonnikoog, Terschelling und Texel ihren Tod. Die meisten von ihnen gelten bis heute als vermisst.

In der Einsatzzentrale des Fliegerhorstes Leeuwarden werden, irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres 1942, die Nachtjagd-Besatzungsmitglieder über die Einsätze in den kommenden Nachtstunden informiert. OLt. Lent, der Gruppenkommandeur der II./NJG2 steht links, neben ihm - damals noch Unteroffizier - Gildner.Die Piloten tragen verschiedene Arten von Rettungswesten für Patrouillen über der Nordsee. (Koll. Rob de Visser)

Oberleutnant Paul Gildner, der Kommandant der 1./NJG1, erzielte zwei Siege (sein 42. und 43.), unter der Leitung des Tiger-Radars auf Terschelling. Unteroffizier (Uffz.) Heinz Huhn, der Funker von Gildner, schrieb in sein Tagebuch:

„In dieser Nacht warten wir in der Einsatzzentrale (wo alle Flugeinsätze koordiniert werden)Draußen ist dichter Nebel, die Bodensicht ist dadurch schlecht. Uns erreichen Berichte, dass sich feindliche Flugzeuge Wilhelmshaven nähern. Aufgrund des schlechten Wetters können wir jedoch nicht abheben und ihnen folgen. Gildner will es trotzdem versuchen, er schlägt vor, den alten, aber stabilen Dornier zu nehmen. Die Bomber fliegen auf ihrem Rückzug durch den Radargürtel in unserem Gebiet. Wir beschließen, das Risiko einzugehen und zu starten. Über dem Nebel scheint der Vollmond. Die Dornier ist nicht mit Flammendämpfern am Auspuff ausgestattet, sodass längliche Flammen austreten. Die Funk- und Radaranlagen im Flugzeug sind komplett abgenutzt. Also schalte ich das Lichtenstein-Bordradar aus und wir sind gezwungen, mit bloßem Auge zu suchen. Wir werden sofort angewiesen, eine Patrouille im Tiger-Sektor zu fliegen. Der erste „Kurier“ (Codewort für britische Bomber) ist eine Halifax. Die britische Besatzung fühlt sich über dem Meer wahrscheinlich sicher und erwartet keinen Angriff. Gildner startet den Angriff, der Kurier fängt Feuer und stürzt um 21.05 Uhr in die Nordsee. Sieg Heil.

 

Das Visier, durch das man zielt, ist inzwischen kaputt, und nur noch eine einzige Kanone feuert. Wir werden von der Bodenführung zum nächsten Flugzeug geschickt. Wir sehen es um 21.10 Uhr. Noch eine Halifax. Im Hintergrund ist auf dem Wasser noch eine riesige Rauchsäule von unserem ersten Abschuss zu sehen. Ein einziger Angriff, der Kurier zieht einen langen Rauchschweif hinter sich her, explodiert und fällt ins Wasser. Es ist 21.16 Uhr.

Unsere Maschine wurde vom Gegenfeuer in den Propellern getroffen

Wir werden von der Bodenführung von Tiger zu einem dritten Flugzeug geführt, diesmal ist es eine amerikanische Boeing. Die Funkverbindung mit Tiger ist sehr schlecht, weil am Boden ein Radiosender ausgefallen ist. Ich schwitze am ganzen Körper, drehe ständig an den Tasten und arbeite mit dem Bordfunk, um weitere Nachrichten empfangen zu können. Und mein Fliegerhelm drückt. Trotz all dieses Elends gelingt es mir immer noch, den Sichtkontakt zum feindlichen Bomber halten. Wir manövrieren uns in die Angriffsposition. Gildner eröffnet das Feuer, doch nur drei unserer Maschinengewehre feuern noch, und keine einzige der Kanonen. Unser Gegner brennt noch nicht. Wir unternehmen einen weiteren Versuch und geben einen Feuerstrahl ab, müssen den Angriff jedoch stoppen, weil auf einmal nur 200 Meter von uns entfernt ein zweiter Kurier fliegt. Unser dritter Gegner entkommt uns leider, wir können ihn nur als beschädigt melden. Unsere eigene Maschine wurde von einem Gegenfeuer in den Propellern getroffen.

 

Wir kehren sofort nach Hause zurück, wo wir sicher landen. In der Einsatzzentrale findet noch am selben Abend eine große Party statt, mit Champagner und Rotwein. Jabs hat drei Bomber abgeschossen, alle drei Short Stirlings. Unser dritter Gegner hat ein Notsignal abgegeben und ist wahrscheinlich auch nicht mehr in England angekommen.“

Nur fünf Nächte später verunglückte Paul Gildner in der Nähe des Flugplatzes Gilze-Rijen in Brabant, weil einer der Motoren seiner Messerschmitt 110 Feuer fing und er abstürzte.

Eine Dornier Do215 B-5, ein Nachtjäger, auf dem Fliegerhorst Leeuwarden im Sommer 1942. (Koll. Helmut Conradi)

Fw. Heinz Vinke, hier im Sommer 1943, stehend zwischen seinem Bordschützen Uffz. Johann Gaa (links) und Funker Fw.Karl Schödl (rechts), erzielte mindestens 11 Nachtjagd-Siege im Wattenmeergebiet, wovon auf jeden Fall vier unter der Leitung von Tiger. Diese Besatzung wurde in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 von einem britischen Nachtjäger nördlich von Borkum abgeschossen. Vinke überlebte den Absturz, doch zwei seiner Besatzungsmitglieder wurden nie gefunden. Heinz Vinke trieb 18 Stunden in einem kleinen Schlauchboot auf dem Meer, bevor er gerettet wurde. Ein halbes Jahr später wurde er dennoch getötet. (Koll. Rob de Visser)

Nachtjäger: Schlei

Die zweite Nachtjagd-Radarstation auf einer niederländischen Watteninsel war Schlei auf Schiermonnikoog. Unter der Leitung von Schlei wurden zwischen Juni 1941 und Juli 1944 schätzungsweise 48 Bomber von Nachtjägern abgeschossen. In der Nacht vom 18. auf den 19. Juni 1941 war Schlei erstmals im nächtlichen Luftkrieg erfolgreich. Von den 100 britischen Bombern, die nach Bremen geschickt wurden, wurden in dieser Nacht sechs von Nachtjägern abgeschossen. Unter der Leitung von Schlei wurde sofort drei Mal getroffen.

 

Sieben Minuten nach Mitternacht wurde Offiziersanwärter (OA.) Paul Gildner gemeinsam mit seiner Stammbesatzung (Funker Uffz. Schlein und Flugingenieur Uffz. Poppelmeyer) in seiner Dornier Do215 B-5 G9+NM vom Flugplatz Leeuwarden zu einer Patrouille im Sektor Schlei in die Luft geschickt. Unter der Leitung von Leutnant (Lt.) Schultze, dem Jägerleitoffizier im Sektor Schlei, schoss Gildner in knapp einer Stunde drei Bomber bei Ameland ab; das waren seine 12., 13. und 14. Siege im Krieg.

 

Am nächsten Tag verfasste Paul Gildner seinen Kampfbericht: 

 

„Über Funk erhielt ich den Befehl, bei Schiermonnikoog die Warteposition einzunehmen. Nach zwei Stunden in der Luft und einer Reihe von erfolglosen Jagden auf feindliche Flugzeuge nahm ich Sichtkontakt mit einer Wellington auf, die in 4200 Metern Höhe flog. Gegen 01.58 Uhr ging ich direkt in den Angriff und feuerte aus kurzer Distanz diagonal von unten/hinten auf den Feind. Mein Gegner bemerkte mich nicht. Mein erster Angriff war ein direkter Treffer: Das Flugzeug fing Feuer, fiel in einen vertikalen Tauchflug und stürzte an der östlichsten Spitze von Ameland im Wattenmeer ab. Zwei Besatzungsmitglieder wurden am 19. Juni um 14.00 Uhr von einer Zollstreife bei Holwerd verhaftet. Die anderen Flieger wurden tot aufgefunden. 

(Gildners erstes Opfer war die 300 Squadron Wellington W5665 mit einer komplett polnischen Besatzung. Vier Männer wurden getötet, zwei wurden in Kriegsgefangenschaft genommen).

Ein Angriff reichte aus: Der Rumpf der Maschine und beide Flügel fingen sofort Feuer

Nach meinem ersten Sieg führte mich der Bodenradaroffizier ohne Erfolg zu verschiedenen feindlichen Flugzeugen. Während ich den Befehl vom Boden beantwortete, „Flugzeug nähert sich Ihnen über das Radar", sah ich in der astronomischen Dämmerung einen Gegner, der etwa einen Kilometer hinter und 100 Meter über mir flog.Ich meldete sofort meinen Sichtkontakt an die Bodenstation, die gleichzeitig den Radarkontakt mit diesem Gegner aufrechterhielt und mich von da an näher an ihn heranführte. Ich hielt weiterhin Sichtkontakt mit meinem Gegner und startete einen Angriff, ohne Rücksicht auf weitere Befehle vom Boden aus. Da mein Gegner nach Westen, und damit zum dunkleren Teil des Himmels flog, verlor ich für einen Moment den Sichtkontakt. Mein Flugingenieur Uffz. Poppelmeyer hatte jedoch noch Sichtkontakt und gab mir die Position durch. Ich identifizierte das feindliche Flugzeug als eine Wellington und startete den Angriff in einer Höhe von 3600 Metern um 02.34 Uhr. Ein Angriff reichte aus: Der Rumpf der Maschine und beide Flügel fingen sofort Feuer. Der Heckschütze feuerte zurück, doch nur einen Moment lang: Die Wellington explodierte, fiel in mehreren Teilen ins Meer und brannte noch eine Weile auf dem Wasser, 57 Kilometer nördlich von Ameland. Wir haben niemanden mit dem Fallschirm abspringen sehen, und es besteht kein Zweifel, dass die Crew ums Leben kam.

(Das war die 301 Squadron Wellington R1365; die gesamte Crew, bestehend aus sechs polnischen Fliegern, kam ums Leben).

 

Nach meinem zweiten Sieg gab mir die Bodenführung den Befehl: „Passen Sie auf, es nähern sich Ihnen neue Gegner.“ Von der Absturzstelle meines zweiten Gegners wurde ich nach Nord-Nordosten geschickt. Nachdem mir gesagt worden war: „Zwei Gegner direkt vor Ihnen“, sah ich einen von ihnen ungefähr 500 Meter vor und knapp über mir fliegen. Ich erkannte eine Whitley. Um 02.57 Uhr schoss ich die Maschine mit einem einzigen Angriff auf einer Höhe von 2200 Metern von hinten/unten ab. Der linke Motor der Maschine fing sofort Feuer und die Whitley begann, in einem langen Kreis abwärts zu trudeln, bis sie ins Meer stürzte und in den Wellen verschwand. Das war 47 km nördlich von Ameland. Ich konnte nicht sehen, wie es der Flugzeugbesatzung erging.“

(Das war die 10 Squadron Whitley Z6671; der letzte Funkkontakt mit dieser Maschine aus England war um 02.50 Uhr, sieben Minuten bevor Gildner zuschlug. Die fünf Mann starke Crew wurde nie gefunden.)

Nahaufnahme des Cockpits einer Do215 B-5 der 4./NJG1 mit OA. Gildner links; sein Funker Fw. Müller sitzt hinter ihm. (Koll. Mikael Olrog)

Auf dem Höhenleitwerk ihres Flugzeuges ließen die erfolgreichen deutschen Nachtjäger für jeden Sieg einen Abschussbalken lackieren. Hier sehen wir OA. Paul Gildners Do215 B-5 in der zweiten Woche vom Juni 1942, als er bereits 35 Siege zu verbuchen hatte. (Koll. Hans Grohmann)

Eine Zeichnung aus dem Krieg, die zeigt, wie ein Nachtjäger, eine Messerschmitt 110, eine Wellington über dem Meer abschießt. (Koll. Helmut Conradi)

Die Amerikaner kommen

Die Luftschlacht bei Texel, 4. Februar 1943

Während die deutschen Nachtjäger die nächtliche britische Bombenoffensive mit Mann und Macht bekämpften, wurde Deutschland am 27. Januar 1943 erstmals mit einer neuen Bedrohung aus der Luft konfrontiert. An diesem Tag führte die 8. Amerikanische Luftwaffe ihren ersten strategischen Bombenangriff auf eine Stadt in Deutschland durch. Da die Deutschen nicht genügend Tagjäger hatten, um sich dieser neuen Bedrohung zu stellen, wurden die Nachtjäger auch tagsüber gegen die Amerikaner eingesetzt. Dies geschah erstmals am 4. Februar 1943; wobei der Luftraum im niederländischen Wattenmeergebiet Premiere hatte. Denn an diesem Tag bombardierten die Amerikaner Emden. OLt. Hans-Joachim Jabs, ein hochdekorierter Veteran aus der Luftschlacht um England im Jahr 1940, der nun als Nachtjäger der IV./NJG1 vom Militärflugplatz Leeuwarden flog, führte acht Bf110-Nachtjäger von Leeuwarden aus an, um die Streitkräfte der B-17 'Fliegende Festungen' abzufangen.

 

Die deutschen Nachtjäger flogen unter der Bodenführung der Radarstellungen Eisbär, Löwe und Tiger. Kurz nach 12 Uhr (Mittagszeit) kamen die Amerikaner - die sich inzwischen auf ihrem Rückflug nach England befanden - in der Nähe von Emden in Sicht, woraufhin die Deutschen sie über die Watteninseln verfolgten. Die Amerikaner kämpften bereits seit über einer halben Stunde mit einmotorigen Tagjägern; diese berichteten zwischen 11.27 und 12.40 Uhr sieben B-17 Abschüsse, bei Den Helder, Leer und Texel.

 

Vollgas fliegend, um die schnellen Bomber verfolgen zu können, dauerte es bis zum Luftraum von Ameland, bevor die ersten Messerschmitt-Nachtjäger den Angriff starten konnten. In der anschließenden Luftschlacht, die sich zwischen Ameland und Texel abspielte, konnten die Nachtjäger zwischen 12.25 und 12.51 Uhr drei Fliegende Festungen abschießen; um 12.52 Uhr brachen die Nachtjäger den Kampf ab und kehrten zu ihrer friesischen Basis zurück. Alle Nachtjäger wurden im amerikanischen Gegenfeuer schwer beschädigt, zwei mussten notlanden.

 

Gefr. Erich Handke, Funker in der Nachtjagd-Besatzung von Uffz. Georg 'Schorsch' Kraft, erinnert sich an seinen 7. Einsatzflug:

„Als die Bomber ihren Rückflug angetreten hatten, starteten wir in vier Paaren, um eine Formation von 60 Boeings, auch 'Fliegende Festungen' genannt, abzufangen. Uffz. Naumann (gemeinsam mit seinem Funker Uffz.Bärwolf) errang seinen ersten Sieg. In seinem Paar (gemeinsam mit Lt. Völlkopf) griff er die Formation frontal an und beschädigte eine Boeing. Diese musste mit rauchendem Motor und ausgefahrenem Fahrwerk den Schutz ihrer Formation aufgeben. Naumann flog sofort eine scharfe Kurve und griff wieder an, diesmal von hinten. In der Folge gingen beide Maschinen in Flammen auf und stürzten ab, aber Naumann gelang es, noch eine Notlandung auf dem Nordseestrand von Ameland zu machen. Hptm. Jabs, der 1940 für seine 15 Luftsiege über England mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet wurde, zerstörte gemeinsam mit seinem Flügelmann auch eine Boeing. Uffz.Scherer setzte den Angriff ohne jegliche Unterstützung ein. Über Funk kündigte er an:„Ich habe Kontakt mit 50 'Kurieren' und werde jetzt angreifen. “Dann tauchte er von oben in die Formation ein und wurde von allen Seiten befeuert. Er schaffte es zumindest, auf einen Bomber zu feuern, war jedoch gezwungen, seinen Angriff abzubrechen, weil sein ganzes Gesicht mit Granatensplittern übersät war und sein Funker Mehnert fast den gesamten kaputt geschossenen Höhenmesser in seinem Gesicht hängen hatte.

Er war gezwungen, seinen Angriff abzubrechen, weil sein ganzes Gesicht mit Granatensplittern übersät war

Und dann waren OA. Grimm und wir an der Reihe.Wir erhielten unsere Anweisungen von der Radarstation Eisbär und waren die letzten, die die feindliche Formation in 7 km Höhe und 20 km westlich von Texel erreichten. Plötzlich sahen wir die Riesenformation aus 60 Boeings vor uns fliegen! Ich gebe ehrlich zu, dass bei diesem Anblick ein Schauer der Angst durch mich hindurchging. Meinen Kameraden ging es genauso. Im Vergleich zu diesen 'Fliegenden Festungen' waren wir klein und unbedeutend. Wir griffen von der Seite an und konzentrierten uns zunächst auf den Anführer der Formation. Mein Pilot lenkte jedoch zu früh ein, sodass wir keine Chance hatten zu feuern und direkt hinter der Formation vorbeiflogen. Damit fingen wir uns ihr gesamtes Abwehrfeuer ein.Daraufhin griffen wir dann das hintere Flugzeug in der Formation an, bis wir und unser Flügelmann unsere gesamte Munition abgefeuert hatten. Bei Grimms letztem Angriff brachen aus einer Boeing Flammen aus, sie geriet ins Trudeln und stürzte ab. Die Plexiglasfenster in Grimms Messerschmitt waren alle herausgeschossen worden, sein Funker Uffz. Meissner war verwundet und der linke Motor gab seinen Geist auf. Wir waren auch gezwungen, unseren kaputten und rauchenden linken Motor abzustellen. Sowohl unsere linken Flügeltanks als auch der hintere rechte Tank waren kaputtgeschossen und die Kraftstoff- und Kühlmittelleitungen sowie der gepanzerte Windschutz von Schorsch waren zerstört. So flogen wir beide mit nur einem laufenden Motor zurück nach Leeuwarden. Grimms einziger noch funktionierender Motor gab dann auch seinen Geist auf und er musste zur Notlandung ansetzen. Unser Motor hielt bis zur Landung.Eine Rauchwolke hinter uns herziehend, landeten wir neben Grimm.“

 

In der Luftschlacht gingen insgesamt fünf amerikanische B-17 Fliegende Festungen verloren. 31 Piloten verloren dabei ihr Leben, 19 gerieten in Kriegsgefangenschaft.

 

Die Geschichte vom 4. Februar 1943 hat eine interessante Abzweigung, die wiederum eine Verbindung zur Geschichte über den Kampf der Konvoischifffahrt im Wattenmeer hat. Zwei der amerikanischen Bomber, die ihre Ziele nicht erreichen konnten, warfen ihre 22 Bomben zu je 500 Pfund auf einen deutschen Schiffskonvoi nördlich von Vlieland als alternatives Zielab. Doch sie trafen nicht.

Die Messerschmitt Bf110 von Uffz. Alfred Naumann brennend auf dem Nordseestrand von Ameland am 4. Februar 1943, mit einem der Besatzungsmitglieder, das für die Kamera posiert. (Koll. Ab A.Jansen)

Hptm. Hans-Joachim Jabs. Neben seinem Sieg als Tagjäger am 4. Februar 1943 schoss Jabs im selben Jahr auch 12 Bomber auf der Nachtjagd im Wattenmeergebiet ab.Fünf dieser Siege kamen unter der Leitung der Radarstation Tiger zustande, vier unter der Leitung von Schlei. (Koll. NeunundzwanzigSechs Verlag)

Eine der fünf Fliegenden Festungen, die am 4. Februar 1943 abgeschossen wurden, war die B-17 F 'Memphis Tot' des 427 Bomb Squadron/der 303 Bomb Group. Drei Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben.Das Heck ist hier halb im Watt versunken, etwa 8 km nordöstlich von Den Helder. (Koll. Rob de Visser)

Die vergessene Geschichte des Wattenmeergebietes

Teil 2

Im Suchscheinwerfer und Flugabwehrfeuer

Die Flugabwehrkanonen, auch Flaks

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Teil 3

Konvoischlachten und Minenleger im Wattenmeer

Der Kampf um die Routen für die deutsche Konvoischifffahrt

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Wattenmeergebiet: Front